Der Himmelswal und die Insel, die ihren Platz verloren hatte

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Als Aelira den Himmelswal zum ersten Mal sah, glaubte sie, ihr Kompass sei endgültig kaputt. Seit drei Tagen zeigte er weder Norden noch Süden, sondern beharrlich nach oben. „Dort ist kein Weg“, hatte Aelira ihm mehrfach erklärt. Der Kompass war anderer Meinung. Nun stand sie am Rand einer schwebenden Insel, unter ihren Stiefeln tausend Meter Wolken, und über ihr glitt ein gewaltiger Wal durch den Himmel. Sein Körper schimmerte silberblau im Licht der drei Monde. Kleine geflügelte Wesen begleiteten ihn, und von seinen Flossen zogen sich leuchtende Fäden durch die Luft. Aelira nahm den Kompass aus der Tasche. Die Nadel zeigte direkt auf den Wal. „Das ist kein Norden.“ Der Zeiger begann golden zu leuchten. „Und dadurch wird es nicht richtiger.“ Seit sieben Jahren kartierte Aelira die Schwebenden Länder. Sie hatte Inseln vermessen, die nur bei Sonnenaufgang sichtbar wurden, Wasserfälle untersucht, deren Wasser nach oben floss, und eine Brücke überquert, die ihren Endpunkt jeden Dienstag wechselte. Doch Himmelswale kannte sie nur aus alten Geschichten. Man sagte, sie seien älter als die Inseln selbst und folgten Wegen, die niemand sehen konnte. Der Wal sank tiefer und blieb mitten in der Luft stehen. Eines seiner riesigen Augen wandte sich ihr zu. Der Kompass vibrierte. Auf seinem Zifferblatt erschienen drei Worte: EINE INSEL FEHLT. Aelira blickte über das Wolkenmeer. Sie kannte jede Insel dieser Region. Links lag Arvon mit seinen Kristallbäumen, rechts die Zwillingsfelsen und dahinter Meris mit ihren vier Wasserfällen. „Es fehlt keine.“ Der Himmelswal gab einen tiefen Laut von sich. Die Luft zitterte. Plötzlich erinnerte Aelira sich an etwas. Zwischen Arvon und Meris müsste eine weitere Insel liegen. Sie wusste sogar ihren Namen. „Talmera.“ Wie konnte sie eine ganze Insel vergessen? Aelira holte ihre Karte hervor. Zwischen Arvon und Meris befand sich eine leere Stelle. Doch quer über das Papier verlief eine verblasste Brücke, die mitten im Nichts endete. „Eine Brücke ohne Insel.“ Der Wal drehte sich und glitt davon. Der Kompass zeigte ihm nach. „Natürlich soll ich folgen.“ Aelira breitete ihre Flügel aus und sprang vom Felsen. Der Wind fing sie auf. Sie folgte dem Wal über das Wolkenmeer. Je weiter sie flogen, desto stiller wurde die Welt. Selbst das Rauschen der Wasserfälle verstummte. Schließlich hielt der Wal vor einer leeren Stelle zwischen den Inseln. Dort war nichts. Aelira schwebte neben seinem Kopf. „Talmera war hier?“ Das große Auge schloss sich langsam und öffnete sich wieder. Aelira betrachtete ihren Kompass. Die Nadel drehte sich im Kreis. Dann erschien ein neues Wort: HÖREN. Der Wal sang. Es war kein Lied, das Aelira mit den Ohren hörte. Der Ton schien durch ihre Knochen zu wandern. Unter ihr begannen die Wolken zu zittern. Aus großer Entfernung antwortete etwas. Ein schwacher Ton.


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