Comments
Loading Dream Comments...
You must be logged in to write a comment - Log In
Artist
Bevor Borstel Morksik traf, glaubte er an drei Dinge: Ein trockener Bau war besser als ein nasser Weg, eine volle Vorratstasche besser als eine leere und eine Brücke sollte möglichst dort enden, wo man sie vom Anfang aus sehen konnte. Die Brücke vor ihm erfüllte nur eine dieser Bedingungen, und Borstel war nicht sicher, welche. Sie hing zwischen zwei Felswänden über einer Schlucht, in der ein wilder Fluss gegen schwarze Steine schlug. Der Regen fiel schräg, der Wind zerrte an den Seilen, und hinter Borstel stand eine kleine steinerne Schutzhütte. Darin hätte er warten können. Genau das hatte er seit gestern getan. „Nur noch eine Stunde“, hatte er am Morgen gesagt. Danach: „Bis der Regen schwächer wird.“ Später: „Bis der Wind vernünftig wird.“ Inzwischen wurde es Abend, und der Wind zeigte keinerlei Interesse an Vernunft. Borstel rückte seine Tasche zurecht. Darin befanden sich Brot, zwei Äpfel, eine Decke, ein Löffel, drei Stücke Schnur und ein kleiner Beutel Nüsse. Außerdem trug er eine Karte bei sich, auf der die Brücke nicht eingezeichnet war. Das gefiel ihm besonders wenig. Eigentlich war Borstel nur unterwegs, um seiner Tante ein Päckchen getrocknete Pilze zu bringen. Eine Reise von zwei Tagen. Am Morgen des zweiten Tages hatte jedoch ein Erdrutsch den Talweg verschüttet. Ein alter Waldarbeiter hatte ihm von dieser Abkürzung erzählt. „Nimm die Sturmbrücke“, hatte er gesagt. „Die führt direkt über die Schlucht.“ „Warum heißt sie Sturmbrücke?“ hatte Borstel gefragt. Der Waldarbeiter hatte lange nachgedacht. „Das wirst du merken.“ Jetzt wusste Borstel es. Er setzte einen Fuß auf das erste Brett. Die Brücke schwankte. „Nein.“ Borstel zog den Fuß zurück. Dann blickte er zur Hütte. Auf der anderen Seite der Schlucht leuchtete zwischen den Bäumen ein Weg. Dahinter musste das nächste Tal liegen. Er setzte den Fuß erneut auf die Brücke. Diesmal blieb er stehen. Ein Brett knarrte. „Wenn du brichst“, sagte Borstel, „werde ich mich beschweren.“ Die Brücke antwortete mit einem langen Quietschen. „Gut. Dann verstehen wir uns.“ Langsam ging er weiter. Eine Pfote hielt das rechte Seil, die andere das linke. Unter ihm tobte der Fluss. Borstel schaute hinunter und bereute es sofort. „Regel vier“, murmelte er. „Auf Brücken niemals nach unten sehen.“ Er hatte diese Regel gerade erfunden. Nach zehn Schritten kam eine Windböe. Die Brücke schwang zur Seite. Borstel klammerte sich an die Seile. Seine Tasche schlug gegen seine Hüfte, und einer der Äpfel sprang heraus. Er rollte über die Bretter, blieb einen Moment am Rand liegen und fiel in die Schlucht. Borstel sah ihm nach. „Das war mein besserer Apfel.“ Dann ging er weiter. In der Mitte der Brücke blieb er stehen. Vor ihm fehlte ein Brett. Die Lücke war nicht groß, aber groß genug, dass Borstel den Fluss zwischen seinen Füßen sehen konnte. Er hob eine Pfote. Hinter ihm krachte Donner. „Natürlich.“ Vorsichtig stieg er über die Lücke.