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Der Drache und der Graf von Monte Christo
Professor Grünspan hatte eine feste Regel: Nach neun Uhr abends wurden keine Ritter empfangen, keine Zauberprobleme gelöst und schon gar keine Prinzessinnen gerettet. Die Stunden vor Mitternacht gehörten ausschließlich seiner Bibliothek, einer Tasse heißen Tees und Keks, dem rot getigerten Kater, der überzeugt war, sämtliche Teppiche des Hauses seien nur für ihn ausgelegt worden. An diesem Abend hatte Grünspan es sich vor dem Kamin gemütlich gemacht und einen alten Lieblingsband aus dem Regal genommen: „Der Graf von Monte Christo“. „Ein hervorragendes Buch“, erklärte er Keks und rückte seine kleine Lesebrille zurecht. „Verrat, Gefangenschaft, ein verborgener Schatz, Rache – Menschen brauchen erstaunlich viele Seiten, um ihre Probleme zu lösen.“ Keks gähnte und rollte sich enger zusammen. Grünspan las weiter. Er kannte die Geschichte eigentlich längst, doch gute Bücher, davon war er überzeugt, veränderten sich mit ihrem Leser. Gerade wollte er umblättern, als etwas zwischen den Seiten hervorschaute. Ein schmaler Streifen vergilbten Papiers. „Das gehört da nicht hinein.“ Grünspan zog ihn vorsichtig heraus. Es war eine kleine handgezeichnete Karte. Darauf waren eine Küste, eine winzige Insel und ein schwarzes Kreuz zu erkennen. Darunter stand in verblasster Tinte: DER SCHATZ WARTET NOCH. Grünspan setzte sich aufrechter hin. „Sehr witzig.“ Er untersuchte den Einband, schüttelte das Buch und roch sogar an der Karte. Alte Tinte. Altes Papier. Kein offensichtlicher Zauber. Keks war inzwischen ebenfalls wach geworden und schnupperte daran. „Du bleibst hier“, sagte Grünspan. Keks setzte eine Pfote auf die Karte. „Das ist keine Abstimmung.“ Der Kater setzte die zweite Pfote darauf. Grünspan seufzte. „Gut. Wir fahren beide.“ Doch als er die Karte vom Teppich aufheben wollte, bemerkte er etwas Seltsames. Das schwarze Kreuz bewegte sich. Langsam wanderte es von der gezeichneten Insel fort, über das Meer, bis zum Rand des Papiers. Dann verschwand es. Im selben Augenblick erklang hinter Grünspan ein leises Klick. Drache und Kater drehten sich um. Eines der Bücherregale hatte sich einige Zentimeter von der Wand entfernt. Dahinter führte eine schmale Treppe hinunter in die Dunkelheit. Grünspan sah auf die Karte. Dort war das schwarze Kreuz wieder erschienen – genau unter der Zeichnung eines kleinen Hauses. Seines Hauses. Lange herrschte Stille. Schließlich nahm Grünspan einen Schluck Tee. „Edmond Dantès musste wenigstens bis zur Insel Monte Christo reisen.“ Keks lief bereits zur Treppe. „Natürlich“, murmelte Grünspan und legte das Buch sorgfältig auf den Tisch. „Mein Schatz liegt ausgerechnet im Keller.“ Er nahm die Laterne und folgte dem Kater.