Der Schwan, der nur Wege kannte, die auf keiner Karte standen

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Der Schwan, der nur Wege kannte, die auf keiner Karte standen
Niemand in Kleinbrück hatte je behauptet, dass Finno eine besonders gute Karte zeichnen konnte. Finno selbst sah das anders. „Eine Karte muss nicht zeigen, wo etwas ist“, erklärte er gern. „Sie muss zeigen, wo man hinwill.“ Seine Schwester Leni hielt das für Unsinn, und der kleine Tamo hatte längst beschlossen, sich aus solchen Diskussionen herauszuhalten. Deshalb sagte er auch nichts, als Finno an diesem Morgen eine Karte ausrollte, auf der ein Gebirge eingezeichnet war, das es nicht gab, ein Fluss bergauf floss und mitten zwischen zwei Wäldern in großen Buchstaben stand: HIER MÜSSTE ETWAS SEIN. „Da fliegen wir hin“, verkündete Finno. Leni schob ihre Fliegerbrille auf die Stirn. „Womit?“ Genau in diesem Augenblick landete ein gewaltiger weißer Schwan auf dem Dorfteich. Er trug einen ledernen Reisesattel, drei kleine Sitze und mehrere Riemen für Gepäck. Das allein wäre ungewöhnlich genug gewesen. Noch ungewöhnlicher war der zusammengerollte Zettel, der unter einem Riemen steckte. Darauf standen nur fünf Worte: Drei Reisende. Vor Sonnenuntergang. Bitte. „Siehst du?“, sagte Finno. „Was sehe ich?“ „Dass wir erwartet werden.“ „Ich sehe einen Schwan mit einem Zettel.“ „Fast dasselbe.“ Eine halbe Stunde später erhob sich der Schwan mit mächtigen Flügelschlägen über Kleinbrück. Leni saß hinten mit Karte und Gepäck, Finno hatte sein Fernrohr ausgezogen, und Tamo hielt ein kleines blaues Paket auf dem Schoß, das ihnen der alte Postmeister kurz vor dem Start übergeben hatte. „Für wen ist es?“, hatte Tamo gefragt. „Das steht darauf.“ Auf dem Paket stand jedoch lediglich: FÜR DENJENIGEN, DER NOCH WARTET. Bald lagen die vertrauten Felder weit hinter ihnen. Sie flogen über Wälder und silberne Flüsse, über Dörfer, die wie Spielzeug zwischen den Hügeln lagen, und schließlich hinauf in ein Meer aus Wolken. Dort begann das Seltsame. Aus dem weißen Dunst ragten Felsen empor. Auf ihren Gipfeln standen Tempel, verlassene Türme und steinerne Tore. Wasserfälle stürzten von den Klippen direkt in die Wolken und verschwanden darin. Finno nahm das Fernrohr herunter. „Die stehen nicht auf meiner Karte.“ Leni sah ihn an. „Auf deiner Karte steht ein Gebirge, das es nicht gibt.“ „Eben. Das hier gibt es offensichtlich. Also kann es nicht dasselbe sein.“ Tamo deutete nach unten. „Was ist mit dem Schloss?“ Auf einer Insel mitten in einem gewaltigen See stand eine Burg mit roten Dächern. Der Schwan jedoch flog daran vorbei. Finno zog vorsichtig am linken Zügel. Nichts geschah. Am rechten ebenfalls nicht. „Ich glaube, wir bestimmen die Richtung nicht.“ „Das hätte man vielleicht vor dem Start herausfinden sollen“, sagte Leni. Der Schwan stieg höher. Vor ihnen öffneten sich die Wolken, und im goldenen Abendlicht erschien eine einzelne Felsinsel. Auf ihrer Spitze stand ein kleiner steinerner Pavillon.


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